Schon früh am Morgen brennt die Sonne durch den einen Zentimeter breiten Spalt zwischen den Vorhängen. Es wird ein heißer Tag. Alles ist wieder sauber und frisch. Das Hemd von Thomas ist genäht, der Wasserfilter gründlich gereinigt und das Zelt provisorisch repariert. Auf eine Anfrage beim Kundendienst von Durston haben wir eine ausführliche Antwort plus Video-Anleitung bekommen. Thomas konnte die Reißverschlüsse mit einer Zange soweit hinbiegen, dass es ein paar Wochen funktionieren wird. Auf meiner Seite klemmt es noch, den Eingang benutze ich lieber momentan nicht. Thomas kann seine Seite jetzt wieder ganz normal verschließen. Ersatzteile sind bestellt, so dass bei nächster Gelegenheit die neuen Zipper eingebaut werden können.

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Freitag um 10.30 Uhr stehen wir auf dem Parkplatz vor der Post und werden direkt angesprochen. Eine nette Dame bringt uns zum Picknicktisch, wo wir uns vorgestern haben abholen lassen. Zunächst einmal vernichten wir hartgekochte Eier und Weintrauben, um Gewicht zu reduzieren. Es geht los mit Anstieg in der Mittagshitze. Unsere Spur verläuft parallel zum Fluss, immer am Hang entlang. Der Gila River bleibt allerdings vorerst unerreichbar. Erst nach 4 Stunden Laufen bekommen wir über einen Seitenweg Zugang zum Wasser. Es ist braun und trüb, kein Vergleich mit dem klaren Gila River vom CDT. Der Fluss ist ungefähr 1050 Kilometer lang und entspringt im Gila National Forest in New Mexico, bevor er durch Arizona fließt. Während der Pause sitzen wir am Ufer zwischen unzähligen Ameisen und können beobachten, wie die fleißigen Insekten unsere Chips-Krümel davontragen. Vögel mit spitzem Schnabel, ähnlich wie Spechte, aber viel kleiner, picken Löcher in die Saguaros. Sie bauen ihre Höhlen-Wohnungen in die stacheligen Kakteen. Eine schwarze Schlange liegt am Wegesrand. Ziemlich groß und schlank, sehr schnell verschwunden, sobald wir uns nähern. Das ist eine Black Racer, eine in den USA weit verbreitete harmlose Schlange. In der letzten Etappe haben wir eine Begegnung mit einem bisher noch nie gesehenen Tier. Braunes Fell, wie eine Mischung aus Fuchs und Waschbär. Google Lens weiß es : Coatimundi - ein Nasenbär.

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Nach etwas über 20 Kilometern beenden wir den Tag in der Nähe vom Fluss. Sind nicht so weit gekommen, aber das ist für unseren späten Start ganz okay. Der Gila River plätschert beim Einschlafen, die Grillen zirpen dazu. Schön, wieder draußen zu sein.

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Der Wecker klingelt um 4.00 Uhr. Man kann sich dran gewöhnen. Um 6.30 Uhr erreichen wir den tiefsten Punkt auf dem gesamten Arizona Trail. Das bedeutet, wir müssen von hier aus kräftig aufsteigen.

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Links unter uns liegt der Fluss, auf der rechten Seite eine Felswand, Kakteen überall. Die Landschaft ist wieder atemberaubend schön, die Morgenstimmung auch. Wir beobachten zwei Vögel, die ihr Nest in einem Saguaro-Kaktus gebaut haben. Das macht nur der Kaktus-Zaunkönig, Staatsvogel des Bundesstaates Arizona. Man hört die Jungvögel schreien.

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Ein blaues Bändchen am Strauch markiert den Zugang zum letzten Wasser, ein Abzweiger über eine Schotterstraße führt zum Fluss. Gegenüber turnen zwei Kolibris im Baum herum und sorgen für Unterhaltung. Diese Zwerge sind ausgesprochen hübsch. Wir verlassen den Gila River jetzt und müssen das Trinkwasser für die nächsten 15 Kilometer bergauf schleppen. Insgesamt 1300 Höhenmeter. Bis zum Frühstück haben wir bereits 500 Höhenmeter geschafft, bis zur Mittagspause noch einmal 500. Den kleinen Rest müssen wir am Nachmittag abarbeiten. Ein plötzlicher Schmerz in der Achsel lässt mich aufschreien. Da hat mich etwas gestochen. Und gleich noch einmal. Es brennt wie Hölle. Ich setze den Rucksack ab und untersuche die Stelle. Finde eine rote Feuer-Ameise, die wohl im Rucksack oder am Hemd mitgereist ist. Tut richtig weh. Ich nehme ein paar Arnika-Kügelchen, die sind gut bei allen Wehwehchen. Also für mich, Thomas lacht nur darüber. Weiter geht es bis zum Regenwasser-Behälter der AZT Organisation. Ein rostiger Tank steht oben auf einem Berg und ist schon aus der Ferne gut zu erkennen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, immer hinunter und wieder hinauf über die gesamte Bergkette bis zum Tonto National Forest. Um 13.00 Uhr sind wir endlich da, 20 Kilometer geschafft. Lange Pause im Schatten.

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Von hier aus sind es nochmal  20 Kilometer weiter bis zum nächsten Wasser. Blöd. In der zweiten Tageshälfte und mit vollem Proviant im Rucksack steht uns der Sinn gar nicht auf zusätzliche 3 Liter zum Tragen. Nachmittags haben wir meistens sowieso nicht mehr so viel Lust. Die Luft flimmert vor Hitze. Der weitere Weg ist zum Glück gnädig und führt die meiste Zeit nach unten. Keine Schlangen, keine Gila Monster. Nur ein "Horned Lizard" läuft uns über den Weg, so eine hässliche graue Krötenechse. 

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Viel Geröll unter den Füßen, damit es nicht zu einfach wird. Mehrmals durchqueren wir ausgetrocknete Canyons, wo in Regenzeiten vielleicht sogar Wasser steht. Für uns gibt es leider kein Wasser zwischendurch. Keine Trail Magic, kein Wasser-Depot. In 8 Kilometern von unserem Zeltplatz aus soll es einen Schrank mit Kanistern geben. Hoffen wir, dass morgen noch etwas da ist. Im Moment haben wir nur gerade noch genügend Wasser für eine karge Mahlzeit und eine Tasse Kaffee in der Frühe. Wir sind 31 Kilometer weiter.

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Einschlafen vor 20.00 Uhr ist kein Problem. Allerdings hat die Nachtruhe nicht lange gedauert, weil heftiger Wind aufgekommen ist. Unser Standplatz auf einem Plateau in der Höhe war ziemlich ausgesetzt, so dass es heftig am Zelt gerüttelt und geschüttelt hat. Die dünnen Wände und das Vorzelt haben vibriert und geknattert. Der äußere Reißverschluss vom Zelt ist bei dieser Belastung kaputt gegangen. Die Böen waren Mitte der Nacht so heftig, dass es kleine Sanddünen ins Zelt geweht hat. Aufstehen um 4.00 Uhr. Das Packen und Zelt-Abbauen im Dunkeln bei Starkwind ist eine besondere Herausforderung. Die Kunst dabei ist, nichts zu verlieren und nichts wegwehen zu lassen.

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Um 6.00 Uhr passieren wir die 300-Meilen-Marke. Eine Stunde später erreichen wir Picketpost Trailhead. Direkt am Parkplatz hat ein Vogel sein Nest im Kaktus-Strauch gebaut. Die Elternvögel sind ausgeflogen, aber im Nest liegt ein Ei sowie ein frisch geschlüpftes Küken.

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In einem Metallschrank stehen ein paar angefangene Kanister mit Wasser. Jeder trinkt, so viel er kann. Wir nehmen 4 Liter mit, denn die Gegend ist sehr trocken, und die Distanzen sind groß. Eine dünne rote Schlange flitzt davon. Eine Sandracer oder Sandsnake, blitzschnell wie immer. Wir stolpern über einen Schildkröten-Friedhof. In der Nähe des Trails liegen gleich mehrere ausgeblichene Panzer, und das anscheinend schon länger.

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Rechts am Hang rennen zwei Weißwedel-Hirsche um die Wette. Stattliche Exemplare, die größten bisher auf dem Arizona Trail. Es blüht und duftet überall. Schmetterlinge flattern um uns herum und bestäuben fleißig die Blumen. Ein verendetes Wildschwein liegt in einer Senke und vergammelt. Nicht so lecker.  Schon wieder liegen 20 Kilometer bis zum nächsten Wasser vor uns, inklusive 1100 Höhenmeter bergauf. Dort oben müssen wir einen Seitenweg nehmen und dann die Quelle suchen. Das ist nicht lustig. Umso erfreuter sind wir, als wir ein kleines Rinnsal entdecken. Laut unserer App gibt es hier nichts zu holen, aber mit Hilfe einer Tasse schaffen wir es, zwei Liter in unsere Flaschen zu füllen. Besser als nichts. Jeder trinkt einen Liter sofort, und die anderen 4 Flaschen sind auch immer noch voll.

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Unser Pfad führt zur Mud Spring, wo man eigentlich Wasser erwarten könnte. Der Trog ist leider trocken. Schöner Zeltplatz daneben, aber der nützt uns gerade nichts. Wir schlagen uns durch die Büsche auf die andere Seite vom Bachbett, klettern eine Böschung hinunter, am anderen Ufer wieder hinauf. Dort finden wir einen Auffangbehälter aus Beton. Wasser ist drin, aber man kann es nicht entnehmen, weil es zu tief unten ist. Also zurück und weiter. Am Reavis Trail Canyon möchten wir den Tag beenden, sind immer noch auf der Suche nach Wasser. Es gibt nur 2-3 Schlamm-Löcher mit ein paar Zentimetern Tiefe. Deren Oberfläche ist dicht mit Insekten bedeckt. Thomas hofft auf bessere Pools und klettert im Bachbett ein wenig höher. Dabei trifft er auf ein großes Gila Monster. Wasser mit einer Tasse aus der Pfütze entnehmen und filtern, das dauert lange. Ich tauche mein Tuch ein und schaffe sogar eine kleine Katzenwäsche. Nicht wirklich sauber, aber es fühlt sich frischer an. Jeden Tag mit schmutzigen Fingern mehrmals Sonnencreme ins Gesicht schmieren, das ist gar nicht gut für die Haut. Unser Zelt muss ordentlich von beiden Seiten gereinigt werden, also umgedreht und kräftig geschüttelt. Auch die Schlafsäcke und Isomatten sind klebrig vom Sand, also ebenfalls gut ausschütteln und abwischen. Trotzdem haben wir früh Feierabend. Liegen schon im Schlafsack, als es noch hell ist, denn uns steckt die gestrige Nacht in den Knochen. Früh in die Federn und morgen um 4.00 Uhr wieder raus. Es warten über 1000 Höhenmeter Anstieg vor der Frühstückspause.

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Entspanntes Aufstehen und Packen auf sauberem Platz ohne Wind ist viel besser als gestern. Die Stirnlampe von Thomas gibt ihren Geist auf, aber es wird jetzt jeden Morgen etwas eher hell. Wir starten mit dem ersten Licht der Morgendämmerung. Es liegen 1400 Höhenmeter Aufstieg vor uns, 700 davon direkt vor dem Frühstück. Extra so getaktet, dass wir dafür die kühleren Morgenstunden nutzen können. Vor der Hitze kann man aber nicht davonlaufen, schon um 6.30 Uhr erwischt uns die Sonne. Wir überschreiten die Grenze zur Superstition Wilderness. Man darf gespannt sein auf hohe Berge und wilde Natur.

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Wir laufen mehr als 3 Stunden durch bis zum Trailhead Rogers Trough. Hier hatten wir eigentlich Wasser erwartet, aber Fehlanzeige. Weder natürliches Wasser zwischen den Felsen noch Kanister. Dieser Parkplatz ist so abgelegen und hässlich, dass wohl auch Trail Angel den Weg nicht finden. Eine halbe Stunde Pause im Staub, dann marschieren wir weiter. Es dauert nochmal 1,5 Stunden, bis uns ein blaues Bändchen am Baum verrät, dass eine Wasserquelle in der Nähe ist. Die ist nicht schön, aber wenigstens nass. Der Filter verstopft schon wieder. Kolibris flattern in den grünen Bäumen am Ufer. Ein dickes Eichhörnchen mit buschigem Schwanz knabbert lila Blüten von den Stängeln und lässt sich dabei gar nicht stören. Ein Rudel Rehe prescht davon, als wir uns nähern. Neben dem Trail glitzert es auffällig. Da liegt ein Ring, und das nicht erst seit gestern, sondern schon ziemlich eingegraben. Golden mit glitzernden Steinchen drin. Ob der echt ist ? Auf jeden Fall ist er sehr schmutzig und ziemlich leicht.

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An der Walnut Spring steht das Wasser in einem rechteckigen Trog mit Metall-Rahmen. Mit Insekten-Garnitur. Ist ganz okay, nach dem Filtern schmeckt es. Hier wird gekocht, weil es die nächsten 12 Kilometer wieder kein Wasser geben wird und stramm aufwärts geht. Also heute gerne noch ein Stückchen weiter. Über Steine und Geröll stolpern wir abwärts. Was soll das denn jetzt ? Wir dachten, wir hätten heute noch ein bisschen Aufstieg. Morgen müssen wir über den High Saddle, den höchsten Punkt weit und breit. Es ist gar nicht so einfach, in diesem krausen Gelände einen geeigneten Flecken für's Zelt zu finden. Wir müssen mangels Alternativen mit einem weniger attraktiven und eigentlich zu kleinen Platz vorlieb nehmen. Alles sehr knapp bemessen. Es erfordert eine Menge Turnerei, bis wir eingerichtet sind. Hoffentlich gibt es hier keine Gila Monster.

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Thomas hat während der Nacht ein paar größere Tiere in der Nähe vom Zelt gehört. Ich nicht, habe einfach nur gut geschlafen. In aller Frische früh morgens los geht prima. Schon um 6 Uhr stehen wir auf dem ersten Grat. Die ersten Strahlen der Morgensonne leuchten die Klippen an. Die rote Felswand erinnert an eine tolle Kulisse für Winnetou-Filme. Die Superstition Mountains sind richtige Berge. Irgendjemand hat geschrieben : "Da haben sie wohl die Serpentinen vergessen." Je nach Hanglage führt die Spur schnurstracks durch vulkanisches Gelände nach oben. Ein paar Hirsche rennen leichtfüßig hinauf. Thomas sagt : "Ich wünschte, ich könnte auch so schnell oben ankommen".

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Gestern nach dem Abendessen haben wir ein bisschen vorgearbeitet, heute sind wir seit kurz nach 5 Uhr unterwegs. Der Weg ist anstrengend. Wir brauchen länger als erwartet, bis wir über den High Saddle sind. Erst um 9.00 Uhr erreichen wir den Wassertank für unsere erste Pause. Ein relativ neuer Tank mit Solarpaneele und einem Bottich daneben, aus dem wir Wasser schöpfen können. Keine Bäume weit und breit, aber hinter dem großen Behälter finden wir zum Glück etwas Schatten.

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Der Cottonwood Creek liegt vor uns, allerdings weitgehend trocken. Im Flussbett suchen wir uns über mehrere Kilometer den besten Weg. Ein steiniges und mühsames Unternehmen. Die Stolperei dauert deutlich länger als geplant. So ein Generve ! Schwierig, die gute Laune dabei nicht zu verlieren.

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Nach weiteren 3 Stunden durch das zerklüftete Flussbett erreichen wir eine Schotterstraße. Jetzt geht es nur noch abwärts über Geröll und Sand, was rutschig und nicht weniger anstrengend ist. Wir bereuen es, dass wir vom Tank unserer Frühstückspause kein Wasser mitgenommen haben. Die Fußsohlen brennen vom Laufen auf spitzen Steinen. Die Hitze ist gnadenlos, der Durst wird immer größer. Daher machen wir eine weitere kurze Pause am Cottonwood Creek. Nur eben Wasser aus dem Fluss holen, filtern und auf der Stelle trinken, damit wir die nächste halbe Stunde in der prallen Sonne überstehen.

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Ein holpriger Pfad führt vorbei an einem kleinen Friedhof. Um 14.00 Uhr erreichen wir Roosevelt Lake und entern den Marina Store. Eiskalte Cola im Schatten ist eine Wonne. Anschließend gibt es ein richtiges Mittagessen im Restaurant. Teuer, aber lecker. Zelten dürfen wir kostenlos auf einem extra für AZT-Hiker eingerichteten Platz. Sogar einen Picknicktisch haben wir daneben stehen, können alle unsere Sachen ausbreiten und neu organisieren. Unser Paket mit Proviant ist im Laden angekommen. Viel zu viel .... denken wir beim Verteilen der Lebensmittel. Das wird wieder schwer, wo wir uns doch gerade darüber gefreut haben, dass die Rucksäcke etwas leichter geworden sind. Immer noch und auch in Zukunft müssen wir außerdem Wasser tragen. Aber das Jammern nützt nichts, der Proviant muss für 6 Tage reichen und wiegt dementsprechend viel.

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Der Roosevelt Lake ist ein Stausee mit einer Wasseroberfläche von 87 Quadratkilometern. Bei Fertigstellung war er der größte von Menschen gemachte See der Erde mit der höchsten Staumauer. So viele Superlative. Zur Zeit beträgt der Wasserstand nur 46 % des normalen Levels, weil es im Winter sehr wenig Schnee gab, wie wir von Einheimischen erfahren. Die gesamte Steganlage ist überdacht. So etwas haben wir ja noch nie gesehen. Bei unserer Besichtigung der Marina staunen wir über die Boote der Reichen, die total geschützt im Schatten liegen. Völlig verrückt.

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